Trauer um die Stillbeziehung – Stillen ist mehr als Milch

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Lang und schmerzhaft -noch immer traure ich um die Stillbeziehung. Meinen Sohn nicht direkt nähren zu können, sein kleines Gesicht an meiner Brust gedrückt zu sehen, seine Händchen diese umschlingen zu sehen und zu fühlen, seinen warmen Atem spüren, seine Nähe zu genießen, es fehlt, es fehlt so sehr.
Auch wenn mir dies die Umwelt, Freunde, Bekannte nicht recht zu gestehen können, es ist eine große Belastung für mich. Für Aussenstehende ist meist der Punkt im Fokus, wie praktisch es doch sei, dass auch der Partner füttern kann. Was das ganze jedoch für MICH bedeutet, mag keiner erahnen oder annähernd nachempfinden. Es macht mich zutiefst traurig, diese Erfahrung nicht sammeln zu können. Und auch, wenn ich mich seit der Schwangerschaft mit vielen Varianten beschäftigt habe, wusste ich nicht, was es in mir auslöst. Ich bin ein großer Verfechter des geborgenen Aufwachsen, der sofortigen Bedürfnisbefriedigung des Babys in den ersten Monaten, damit es ein Urvertrauen aufbauen kann, Vertrauen in die Welt, um später ein selbständiger, stabiler Mensch werden zu können. Ich selbst weiß sehr gut, was es heißt, kein Urvertrauen zu besitzen, wie es mein Leben bestimmte und wie schwer es mir erging, in der Welt zurecht zu kommen. Stillen ist mehr als Milch. Stillen ist kuscheln, Stillen ist Geborgenheit, Stillen ist Nähe, Stillen ist ein ach so wichtiger Körperkontakt. Beziehungsaufbau gestaltet sich viel über das Stillen. Sicherlich habe ich es mittlerweile akzeptiert. Was blieb mir auch anderes übrig. Aber diese Verbindung zu meinem Sohn fehlt mir sehr, dieses Alleinstellungsmerkmal. In den ersten Wochen habe ich viel geweint, konnte nicht sehen, wenn mein Partner unseren Sohn fütterte, während ich an der Pumpe saß. Es fühlte sich so falsch an, ich war so überflüssig. Es tat weh. Ich habe diesen kleinen Mann 10 Monate in mir getragen, wir waren eins und plötzlich hätte mein Partner ihn auch ohne mich versorgen können. Sicherlich ist dies positiv, wenn die Mamas nicht stillen können oder wollen, dass es möglich ist. Ich aber hätte mir gerne für mich etwas anderes gewünscht.
Zu wissen, dass er zumindest meine Milch bekommt, ist wichtig und gut. Auch wenn die Pumpe mich heftig einschränkt, ich beispielsweise keine großen Unternehmungen mit meinem Sohn machen kann, da ich nicht einfach die Brust zur Verfügung habe, sondern stets das Pumpen in den Tagesablauf mit einberechnen muss und Strom zur Verfügung brauche und es Zeit frisst. Ich kann nicht einfach so wandern gehen mit ihm, größere Ausflüge genießen oder ungehindert bei Freunden den Abend verbringen. Mich belastet das. Ebenso nimmt mir die Pumperei das schönes Gefühl meiner Brüste. Da ist kein Hauch mehr von Sinnlichkeit.
Anfänglich war ich noch guter Dinge. Ich ließ meinen Sohn an meiner Brust schleckern, wärend ich ihm die Milch über die Spritze gab. Bei der jetzigen Trinkmenge ist dies jedoch nicht mehr möglich. Auch versuchte ich die Stillhütchen, mit der Hoffnung, dass er sie besser fassen kann. Nachdem ich jedoch einen Artikel zu ihnen lass, ließ ich es. Sie seien kontraproduktiv und schlecht für seine Mundmuskulatur und auch unnütz bezüglich Körperkontakt und Nähe, da er ja das „Gummi“ vor der Nase hat. Auch wurde es im Alltag unpraktisch und ich kam einfach nicht mehr hinterher. Somit fing ich an, ihn zumindest an meine nackte Brust zu legen, während ich ihm die Flasche gab und ließ ihn vorher nach meiner Brust suchen, um seinen Instinkt weiter aufrecht zu erhalten. Aber mittlerweile weiß er, dass die Milch aus der Flasche kommt und seit seinem zweiten Wachstumsschub, wo er so Schwierigkeiten mit dem Trinken hatte und gestreßt war, war er einfach auch schlicht weg überfordert, vorne weg noch diese Procedere mit mir abzuhalten. Das konnte ich ihm nicht antun. Im Krankenhaus haben wir beide auch ein kleines Trauma erlebt, was mir weitere Versuche nicht möglich machte, da ich Angst hatte. Eine Hebamme dort drückte ihn fest an meine Brust, versuchte, dass er sie mit seinem Mund umschließt und saugt. Aber das war keine zarte Unterstützung, es fühlte sich nach Zwang an und ein Baby, was die Fähigkeit dazu nicht hat, so zu drücken…Es war grauenvoll. Er schrie. Er schrie an meiner Brust und das mussten wir mehrmals erleben. Ich wollte das irgendwann nicht mehr. Es war einfach zuviel. Dass ich ihn irgendwann wieder so weit hatte, dass er an meiner Brust schleckerte und aus der Spritze trank, war schön. Aber leider ist er nun auf die Flasche konditioniert.

Somit suchte ich Alternativen für mich, für den Bindungsaufbau, für das Alleinstellungsmerkmal. Dass ich ihm im Tragetuch trage, war mir von Anfang an klar. Im Kinderwagen ist er zuweit weg, hat meine Nähe nicht, spürt meinen Herzschlag nicht, riecht mich nicht. All das brauchen Babys, hilft ihnen, sich sicher zu fühlen. Zudem muss ich zugeben, dass ich es irgendwie immer etwas albern und unnatürlich mit dem Kinderwagen finde und es mich an die Zeit erinnert, wo ich meinen Puppenwagen geschoben habe. Mein Sohn aber ist keine Puppe. Das Tragetuch hilft mir selbst auch sehr. Er ist bei mir, wir sind wieder eins. Ansonsten gehen wir zweimal die Woche zusammen baden. Ich lege ihn auf mich und wir rutschen ins Wasser. Viel nackte Haut… Es ist herrlich und gefällt ihm sichtlich. Wir müssen nur mit seinem linken Ohr aufpassen. Durch die Spalte ist dies nicht in Ordnung und es darf kein Wasser reinkommen. Deshalb fällt auch Babyschwimmen für uns aus. Ich bin kein Freund von Babykursen. Kurse, bei denen an den Babys „rum gemacht“ wird, sie etwas lernen sollen (was zu Hause wohl nicht passiert, oder wie?). Ich empfinde das mehr als Streß und erinnert mich nur zu sehr an die Leistungsgesellschaft. Jedoch hatte ich mit dem Babyschwimmen geliebäugelt, weil ich es unter dem Aspekt des Bindungsaufbaus betrachtet habe, ebenso wie die Babymassage. Das überlege ich mir noch. Bis dahin bekommt der kleine Mann jeden Abend von mir eine kleine Massage vorm Zubettgehen. Ich bin meinem Partner sehr dankbar, dass das Rituale sind (Baden, Massage), die ich allein mit ihm machen darf. Diese Zeit gehört ausschließlich uns. Da habe ich dann mein Alleinstellungsmerkmal und genieße es, auch wenn ich immer noch sehr traurig bin, dass ich ihn nicht stillen kann.

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19 Gedanken zu “Trauer um die Stillbeziehung – Stillen ist mehr als Milch

  1. Ich finde, dass du eine wunderbare Mutter bist. Stillen hin oder her. Du quälst dich mit der Pumpe für dein Kind und ich wette, wenn du deinen zwei Buben beim essen zuschaust, dann ist da nicht nur Frust sondern auch Liebe. Dass Papa erstmal nicht nur Erzeuger, sondern auch eine Fürsorgliche daseinsrolle hat. Ich finde euch in eurer Situation großartig. Mehr Eltern wie euch sollte es geben!!!

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  2. Danke für diese klaren Worte, die ich zu 99% genau so erlebt habe. Mein Kind ist jetzt zweieinhalb und ich trauere immer noch. Aber damit ist man sehr allein!

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  3. Huhu…du sprichst mir aus der Seele! Weine so viel, weil es einfach nicht klappen will. In ein paar Tagen ist er 6 Monate und ich versuche und versuche es….mit einer lieben Stillberaterin. Aber durch die Fehler im Krankenhaus und eine total inkompetente Hebamme hab ich wohl keine Chance mehr. Was man uns da genommen hat kann keiner nachempfinden, der auch so gerne gestillt hätte! Wie geht es dir heute? Wird die Trauer irgendwann besser? Liebe Grüße Sina

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    1. Liebe Sina, es tut mir sehr leid, dass du auch diese Trauer spüren musst. Unser Sohn wird morgen ein Jahr alt. Die große Trauer ist weg, aber die Sehnsucht danach spüre ich noch oft. Ich bin traurig, diese Erfahrung nicht machen zu können. Aber ich habe eine tiefe innige Beziehung zu meinem Sohn und wir haben liebevolle Rituale mit der Flasche entwickeln können, im Arm oder in der Trage. Das hat mir viel geholfen. Sei lieb gegrüßt.

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    2. Hallo Ihr leidenschaftlichen Mamas, ich möchte unbedingt an dieser Stelle digital winken: Mein Sohn mit beidseitiger durchgehender LKGS geht auch nicht an die Milchquelle. Und ich kam mir mit meinen Tränen so einsam vor! Ich fühle mit euch! Ich habe drei Jungs lange gestillt und unser vierter Sohn könnte nach seiner Op an die Brust, will aber nicht mehr. Und ich schaffe ohne Stillberaterin keine adäquate Brustgewöhnung und den Familienalltag und Abpumpen… Es bricht mir das Herz. Und das Abpumpen klappt seit Monaten nur schlecht. Ich gewinne die Milch fast nur durch Handarbeit. Das ist ewig anstrengend und mühsam. Mein größter Trost ist das Lachen meiner Kinder… Viele Grüße, Anne.

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