OP -/ Krankenhaustagebuch Teil 2

Donnerstag, den 16.06.2016
OP – Tag

12:18 Uhr Wir dürfen in den Aufwachraum. Er liegt völlig verkabelt und geschwächt vor uns, weint zackhaft. Seine Augen sind noch mit Salbe ganz vertränt. Sein eines Nasenloch ist mit einer Tamponade zu, seine Lippen mit mehreren Pflastern stabilisiert. Es sei alles gut verlaufen. Und er war der Liebling der Schwestern, weil er so süß und wirklich hübch sei. Somit soll er bei jedem mal auf dem Arm gewesen sein. Das beruhigt.

Wir versuchen zu füttern. Er weint. Hat er doch Hunger und kann nicht trinken. Unsere noch von der Geburt geübte Trinkweise muss wieder greifen – die Spritze. Er ist unruhig, schreit immer wieder. Kommt aber auch zur Ruhe. Die Kabel – sie stören mich. Kann ich ihn doch nicht richtig hochheben. Blut.

Zum Schluss setzen wir ihm eine kleine Maske auf. Er soll inhalieren. Man stellte bei der OP eine Atemwegsinfektion fest. Der rechte Lungenflügel arbeitet nicht wie der linke.

13:10 Uhr Sein Gesicht beginnt blau zu werden. Es schwillt an. Er weint und schwitzt. Man gibt ihm was gegen die Schmerzen.

13:30 Uhr Wir dürfen aufs Zimmer. Wir windeln ihn, ziehen ihn um, ich pumpe ab. Es wird gekuschelt. Er schläft ein.

15:15 Uhr Chefarztvisite. Er sei mit seinem Ergebnis äußerst zufrieden – waren super Voraussetzungen, volle Lippen etc. Leider musste von ihm statt einer Entschuldigung wegen der OP-Verschiebung um 2h, dass bei ihnen erneut Kommunikationsfehler aufgetreten sind hinsichtlich der Nahrungsaufnahme vor der OP der Satz kommen; „Sie haben gestillt heute früh? Naja, Sie sind ja nicht jeden Tag im Krankenhaus.“ Also wir seien schuld. Nun gut. Lassen wir es so stehen. Wir haben bewusst diesen Narzisten gewählt, weil er seine Arbeit gut macht. Das ist das wichtigste für unseren Sohn.

(auch wenn unser kleiner Mann schläft, ich komme einfach nicht zur Ruhe)
Ich bin gespannt, wann er wieder zu lächeln beginnt.

16:00 Uhr Unser Sohn wird wach. Er weint. Er kann nicht trinken. Er verschluckt sich. Es tut ihm weh – der Tubus hat seine Spuren hinterlassen. Es kommt Blut aus seinem Mund. Ich packe ihn ins Tuch. Er beruhigt sich.

17:45 Uhr Schmerzmittel. Er weint viel. Möchte trinken. Spritze klappt kurz. Er stößt auf, Schmerzen. Er weint sich in Rage. Er schläft ein.

19:50 Uhr Ich versuche zu schlafen. Mein Partner hat unseren Sohn. Er weint.
20:00 Uhr Mein Partner kommt wieder. Er meint, wir sollen versuchen zu füttern. Er trinkt nicht. Wir bitten um eine Infusion. Unser kleiner Mann bekommt sie. Ich kann ihn ihm Tuch beruhigen.

21:30 Uhr Wir wechseln zum Sauger und helfen unserem Sohn, indem wir die Milch in den Mund spritzen. Es muss schnell gehen. Er ist ungeduldig. Er trinkt. Das Schlucken scheint zu klappen. Wir freuen uns. Er, noch immer im Tragetuch, schläft nuckelnd ruhig ein – bisher schlagen wir uns gut.
Tag 3, Freitag, den 17.Juni 2016

Der Tag nach der OP

1:30 Uhr Ich habe kein Auge zugemacht. Pellte irgendwann meinen Sohn aus dem Tuch, um abpumpen zu können, er schlief weiter. Ich immer achtend auf seine Infusion. Nun ist er erwacht. Wir geben ihm sein Schmerzmittel und die Flasche. Er trinkt ein wenig. Er weint nicht. Wir bitten die Schwestern, die Infusion vorerst zu entfernen. Wir gehen mit ihm spazieren. Er guckt gespannt UND ER VERSUCHT ZU LÄCHELN.

Ich möchte nichts beschreien, aber das, wovor uns die Ärzte gewarnt haben, ist bisher nicht eingetreten. Wir weinen noch nicht. Unserem Sohn scheint es den Umständen gerade gut zu gehen. Er hat etwas geschlafen, mit unserer Hilfe getrunken und war immer nah bei uns. Ich denke und hoffe, dass er uns vertraut, wir ihm durch diese schwierige Zeit helfen können. Wir dürfen ihn nicht überfordern, alles ganz in Ruhe.

4:00 Uhr Er wacht auf, trinkt nochmal kurz. Ich nehme ihn ins Tuch und er schläft weiter. Auch ich komme nun endlich für 30min zum Schlafen. Dann lege ich ihn zur Seite und pumpe Muttermilch ab.

6:15Uhr Unser Sohn konnte nochmal gut schlafen und trinkt nun zum ersten Mal mit unserer Hilfe eine größere Menge. Es beruhigt. Wir wiegen ihn – wie vor der OP 5800 Gramm.

7:00Uhr Visite, schnell waren sie drinnen, die Ärzte und auch schnell wieder draußen. Sieht alles so aus, wie es aussehen soll. Ich wollte über die unkomplizierte Nacht berichten, aber der Kommunikationsbedarf sei wohl nicht üblich. Dennoch, alle Schwestern, Pfleger etc. versicherten uns immer wieder, dass sie unsere Lage gut verstehen können und wie schlimm es für Eltern sei.

9:00Uhr Der Chefarzt kommt alleine zu uns. Erklärt uns, wie genau er was geschnitten und genäht hat in der gestrigen OP. Ich konnte es wieder hören. War die OP doch gut verlaufen. Unfassbar, was alles wie gemacht wurde. Ich kann es gar nicht korrekt wieder geben, so vielschichtig und aufwendig ist die OP. Er betonte die seltene feinfühlige Art, die wir unserem Sohn entgegen bringen. Es gäbe wohl Eltern, die ihre Kinder zur OP abgeben und nach einer Woche wieder abholen. Wie egositisch ist das denn? Wie grausam…Unvorstellbar. Er klärte uns darüber auf, dass die Stripes, die über seinen Lippen kleben, um die Naht zu schohnen, morgen gewechselt werden und das für unseren kleinen Mann nochmal unangenehm wird. Es ist okay. Es ist wichtig. Danach können wir ihn gleich wieder auf den Arm nehmen. Und emotional haben wir noch einige Reserven. Ist es ja zu keiner besagten Horrornacht gekommen.

10:15Uhr Er trinkt seine erste Flasche selbständig. Wir freuen uns riesig, atmen auf.

12:30Uhr Er weint. Bekommt Schmerzmittel und Antibiotika. Beruhigt sich wieder. Braucht jedoch auch Hilfe beim Trinken. Hilfe bedeutet, dass er nun immer seinen Sauger hat. Dort können wir nachhelfen, indem wir die Milch in seinen Mund drücken können. Dennoch, er ist unruhig. Vormittags fehlte ihm auch viel Schlaf. Hoffen wir, dass es keine Schmerzen sind. Er weint vermehrt. Ich pumpe schnell ab. Ab ins Tuch!

ICH BIN SO VERLIEBT. ER IST SO TAPFER ! ER IST SO HÜBSCH!

15:00 Uhr Unser Sohn kommt nicht zur Ruhe. Immer wieder nickt er weg, schreckt auf. Mag nicht trinken. Weint. Zäpfchen. Hoffentlich hilft es.

20:00Uhr Noch immer schläft er nicht. Zwischendurch immer akuter Wechsel zwischen „alles okay“ und „die Welt geht unter“. Er benötigt dringend Schlaf.

Horrorszenario Unser kleiner Mann schreit von 21:00 Uhr – 22:00 Uhr komplett auf seiner höchsten Stufe durch. Bekommt zwischendurch kaum Luft, verschluckt sich. Sein Körper aber hängt ganz schlaff im Tragetuch. Während mein Partner scheinbar seinen emotionalen Grenzen nah ist, singe ich meinem Sohn sein Schlaflied vor, was er von zu Hause kennt. Er macht allmählich drei Sekunden Pause. Weitere Schmerzmittel sind tabu. Das würde seinen Nieren und seiner Leber schaden. Erleichterung, als er nach der Horrorstunde endlich einschläft.

 

Tag 4, Samstag, den 18.Juni 2016

Ich gehe nachts zum Pflegepersonal. Möchte mir erklären lassen, wieviel Schmerzmittel er bekommen darf, in welchen Abständen. Dreimal am Tag; früh, mittags, abends. Ich frage nach, ob das ausreicht, um durch die Nacht zu kommen, bei dieser Art der Verteilung. Statt es mir ordentlich zu erklären, bekomme ich den Satz (auch in Bezug auf gestern Abend): „Babys schreien auch mal ohne Grund“. Ich bin schockiert! Versuche höflich zu erklären, dass ich mein Baby kenne, dass ich seine Schreivariationen kenne etc. Das von gestern Abend war kein Schreien ohne Grund, wenn sie es so nennen wollen. Wenn ich diesen Satz nochmal höre heute, muss ich wohl ausrasten. So ein absoluter fahrlässiger Blödsinn. Kein Baby schreit ohne Grund. Warum sollte es das denn tun? Welche Logik steckt dahinter? Wenn Babys weinen, möchten sie damit immer etwas ausdrücken. Dass ich vielleicht nicht immer den Grund finden kann, ja. Aber es ist schlimm. Es tut mir so leid. Was gestern Abend passiert ist, war grausam. Aber ich war ganz ruhig. Wollte meinem Sohn zumindest Schutz und Nähe bieten. Heute versuchen wir jeglichen überflüssigen Input zu vermeiden und uns auf ihn zu konzentrieren. Haben alle Besuche abgesagt.

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