Loslassen

In letzter Zeit fühle ich mich emotional sehr gefordert. Zum einen habe ich endgültig nach über 25 Monaten die Milchpumpe abgegeben. Wie sehr hatte ich diese immer wieder verflucht und mir mehr Freiheit gewünscht… Und nun, als der Tag gekommen war, mich von dieser zu verabschieden, war und bin ich traurig darüber, meinen Sohn nicht mehr mit der wertvollen Muttermilch zu versorgen. Er braucht nach wie vor seine Flasche zum Einschlafen und in besonders stressigen Momenten als Auszeit von der Welt. Würde ich ihn stillen können, hätte ich aus jetziger Sicht darauf gewartet, dass er von selbst nicht mehr an die Brust möchte. Nun aber habe ich diesen Schlussstrich ziehen müssen und ich fühlte mich vorerst nicht gut damit. Natürlich – ich habe jetzt mehr Freiraum, was mir mit immer mehr Abstand auch gefällt. Kein lästiges Pumpen mehr und darauf Rücksicht nehmen; diese mitnehmen, sollte ich bei Freunden übernachten; kein lästiges Sterillisieren mehr etc… Dennoch ich habe das Gefühl, meinem Sohn etwas genommen zu haben. Das stimmt mich traurig. Zudem geht somit unsere Art der Stillbeziehung zu Ende, ein besonderer Teil unserer Zugehörigkeit.

Jedoch bin ich froh, nach diversen Versuchen mit Wasser und Tee, welche mein kleiner Mann in seiner Flasche klar abgelehnt hat, nun eine Alternative gefunden zu haben, die er gerne trinkt und in der Flasche annimmt.

Vom Loslassen der Milchpumpe und Muttermilch zum fortwährenden Loslassen meines kleinen Mannes… Mein Sohn entwickelt sich prächtig weiter und weist mich mittlerweile deutlich zurück, während er andere Personen einfordert – ein weiterer Schritt in seiner Selbständigkeit… Das ist fantastisch. Noch immer bin ich sein sicherer Hafen. Aber oft bekomme ich nun fast ausschließlich die schlechten Phasen „von ihm ab“, beispielsweise wenn er Schutz, Geborgenheit, Trost braucht. Für den Spaß werden andere Personen gewünscht. Das ist natürlich nicht andauernd so. Die meiste Zeit verbringe ich nach wie vor mit meinem Sohn. Dennoch fühlt es sich manchmal so an. Das heißt also auch für mich weiter gehen, loslassen!

Nach den letzten zwei Jahren und unserer Geschichte schmerzt das hin und wieder in meinem Herz. Aber es eröffnet neue Wege und gehört zu einer gesunden Entwicklung dazu. Es ist wunderbar – wenn ich unsere Geschichte betrachte – wo wir nun stehen und wie sich mein kleiner Mann jeden Tag entfaltet, schrittweise selbständiger wird und mich damit auch manchmal an meine Grenzen bringt.

In einer Woche wird er erneut operiert (neues Paukenröhrchen im linken Ohr unter Vollnarkose). Wir werden regelmäßig an seine LKGS erinnert. Wie gern würde ich dieses Thema loslassen. Indessen bin ich geübt in OP-Situationen und Krankenhausaufenthalte bereiten mir keine Angst mehr. Aber dass mein Kleinkind zusätzlich eine weitere Operation, die nicht regulär im Plan stand, über sich ergehen lassen muss, macht mich wütend und traurig. Ich bin besorgt hinsichtlich der Zeit der Nüchternheit vor der Vollnarkose, der Abgabe meines kleinen Mannes in einer emotional stressigen Situation für ihn an eine fremde Person vor dem OP-Saal, der Vorbereitungszeit für die OP, die mein Sohn allein mit fremden Menschen bewältigen muss und nichts versteht, ausser dass sein sicherer Hafen nicht vorhanden ist. Diesbezüglich sollte mein Sohn nicht allein sein, ich ihn nicht loslassen. Aber es ist nicht anders machbar und immer wieder grausam, diese Erfahrungen zu sammeln.

Loslassen gehört im Leben dazu. Nur so kann man sich entwickeln und entfalten. Aber mein Sohn sollte dies selbst initieren dürfen und diese nicht von außen bestimmt sein.

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