Nochmal von vorn – Vertrauensarbeit bei der Logopädie

Die Logopädin meines Sohnes stellte fest, dass sie noch nicht ernsthaft ins therapeutische Arbeiten mit ihm gekommen sei. Anfang des Jahres sind wir zu ihr aus logistischen Gründen gewechselt. Im Sommer sind viele Stunden ausgefallen. Die Logopädin selbst war lange krank, dann kam die Urlaubszeit. Und im August wurde mein kleiner Mann operiert. Es gab immer wieder Komplikationen, so dass wir vier Wochen lang den Fokus auf das Krankenhaus inne hatten.

Danach war die Logopädin erneut erkrankt. Im September und Oktober hatten wir insgesamt, glaube ich, nur zwei Termine. In diesen zwei Stunden war mein Sohn oft erschöpft, aber auch sehr auf mich fixiert. Die Therapeutin kritisiert das nicht, kann das alles sehr gut nachempfinden und kennt seine „Geschichte“ und Erlebnisse sehr genau.

Umso wichtiger ist es jetzt, die Vertrauensarbeit zu fokussieren. Mein Sohn hat in der letzten Zeit viel geblockt und ernsthaft zu kämpfen damit gehabt, wieder jemand neues auf enger Basis an sich heranzulassen. Logopädisch mit ihm ins Arbeiten zu kommen, war nicht möglich.

Nun wird jede Stunde bei der Logopädie ein Seil vom Wartezimmer bis ins Therapeutenzimmer gelegt. An diesem Seil entlang werden Spielsachen etappenweise aufgebaut. Ich sitze im Wartezimmer, die Logopädin ist im Behandlungszimmer. Zunächst wird nah in meiner Nähe Spielzeug positioniert und die Logopädin versucht dort mit meinem kleinen Mann ins Spielen zu kommen. Schrittweise entlang dem Seil Richtung Behandlungszimmer werden neue Spielmöglichkeiten eingebracht. Ziel ist es, dass mein Sohn irgendwann allein mit der Logopädin ins Zimmer gehen kann, während ich im Wartezimmer die Therapie abwarte. Die Therapeuten- Patienten-Ebene soll gefördert werden, die positive Interaktion.

Letzte Woche haben wir damit begonnen. Es war sehr lehrbuchreich. Zunächst wollte mein Sohn zusammen mit mir reingehen. Er ging bereits vor, in der Annahme, dass ich mitkomme. Er war sehr fröhlich gestimmt. Als die Logopädin äusserte, dass Mama draußen bleibt, ist er sofort weinend und erschrocken zu mir gerannt. Wir haben dann das Seil aufgebaut, ich meinen Sohn getröstet und mich zunächst an den Anfang des Seils gesetzt. Die Logopädin versuchte ihn ins Spiel zu integrieren. Zunächst saß mein Sohn noch auf meinem Schoß. Mit der Zeit konnte er sich mit der ersten Station am Seil vertraut machen und mit der Logopädin in Interaktion treten. Er rückversicherte sich regelmäßig bei mir. Dann ging er schon sicherer zur zweiten Station. Ich entfernte mich langsam vom Anfang des Seils und setze mich auf einen Stuhl daneben. Mein Sohn spielte aufmerksam mit der Logopädin. Nach geraumer Zeit kam er immer wieder zu mir und stellte sicher, dass ich da bin, kuschelte kurz. Die Logopädin konzentrierte sich stark auf ihn und „lockte ihn“. Sie kam auf ihn zu und bindete ihn erneut ins Spiel ein. Zum Ende der Stunde hin merkte ich deutlich, dass mein Sohn sehr erschöpft war. Er kam vermehrt zu mir. Er ist in dieser Stunde bis zum Türrahmen des Therapeutenzimmers gekommen, mich aber in seinem Blick wissend.

Die weiteren Stunden werden ebenfalls thematisch identisch aufgebaut sein – bis mein kleiner Mann in der Lage ist, allein in dem Zimmer mit der Logopädin „arbeiten“ zu können, während ich im Wartezimmer warte.

An diesem ersten Tag war mein Sohn so erschöpft, dass ich große Schwierigkeiten hatte, ihn ins Auto, nach Hause, ins Haus etc. zu bekommen. Er schrie nur noch, ließ sich fallen auf der Straße, sträubte sich vor dem Auto, zu Hause wollte er nicht raus, ließ sich nicht ausziehen etc. Jeder Schritt war eine zu diesem Zeitpunkt zu große Anforderung an ihn.

Am Ende war auch ich fix und fertig und musste immer wieder selbst an meine Geduld appellieren. Dann endlich lasen mein Sohn und ich kuschelnd ein Buch auf dem Sofa.