OP Nr.5 und seine Strategie der Ignoranz

Wir befinden uns am Anfang des Corona-Ausnahmezustandes. Ich habe deshalb mit mir gerungen, über die fünfte Operation meines Sohnes zu schreiben.

Eine Woche später und die OP wäre wegen des Corona-Viruses abgesagt worden. Während wir im Krankenhaus waren, wurden bereits Besuchsverbote ausgesprochen und die Zahl der infizierten Menschen steigerte sich im Stundentakt.

Das Krankenhaus zu verlassen und zu Hause einen völlig, so noch nie vorhandene, Zustand zu erleben, hat mich anfangs aus der Bahn geworfen – hat die fünfte Operation meines Sohnes mir doch bereits wieder alle Kräfte genommen und mich auch vor neue Herausforderungen gestellt.

Es ist uns gelungen, den Vorbereitungstag bereits als Aufnahmetag zu deklarieren. Wir waren auch von 8:00-16:30Uhr mit den Vorbereitungen beschäftigt. Mein kleiner Mann hat lange gut durchgehalten. Gegen 15Uhr waren wir beide zum ersten Mal nicht mehr in der Lage gut durch das Anästhesiegespräch zu kommen. Mein Sohn hatte überall seine Finger, hat seinen Kopf auf dem Tisch abgelegt, weil er nicht mehr konnte und ich konnte aufgrund der Coronapandemie keinen Abstand von irgendwelchen Viren in meinem Kopf finden. Natürlich sei der Virus für meinen Sohn und mich weniger gefährlich. Wir gehören nicht zur Risikogruppe. Dennoch war ich psychisch überfordert. Nach dem Gespräch konnte ich mich wieder fangen und mein Sohn hatte endlich eine Pause. Vorab hatte er bereits 3 Arztgespräche, Hörtests, zwei Untersuchungen und zwei OP-Aufklärungen durch. Man informierte mich darüber, dass, wenn die Knochenentzündung wieder gekommen sei, sie in den Knochen meines Sohnes bohren müssten, diesen ausschaben und somit den Entzündungsherd herausholen würden. Der Gedanke daran ließ mich zittern. 17Uhr konnten wir endlich unser Zimmer beziehen. Dann wurde meinem kleinen Mann eine Flexüle gelegt. Ich sollte ihn auf eine Liege legen, eine Schwester hielt seinen Arm und die kleine Hand fest und der Arzt vollzog das Procedere. Mein Sohn schrie wahnsinnig und hörte nicht auf. Er schrie panisch und unter großem Schmerz. Ich versuchte ihn von der anderen Seite zu drücken, ihm zu zeigen, dass ich da bin. Sehr heftig… Als der Arzt fertig war, hatte sich mein Sohn so in Rage geschrien, dass er begann zu hyperventilieren. Er hat lange gebraucht, bis er sich wieder beruhigen konnte. 19:30Uhr konnte mein kleiner Mann endlich schlafen. Nachts gab es noch ein Antibiotikum zur Prävention für die folgende Operation.

Durch die recht unruhige Nacht hat mein Sohn morgens für seine Verhältnisse lang geschlafen, halb sieben. Das war super. 7Uhr kamen nämlich schon die Schwestern mit dem Beruhigungssaft. 7:25Uhr habe ich ihm „volltrunken“ unkompliziert dem OP-Team übergeben können. Früh hat wirklich alles gut geklappt und das wirkte sehr beruhigend. 1 1/2h später zitierte uns bereits der Professor der HNO zu ihm. Es sei keine Knochenentzündung mehr aufgetreten. Also kein Bohren in seinen Knochen, keine sogenannte Ohrradikal-OP… Erleichterung! Aber das Ohr sei sehr vernarbt, was für die Hörleistung sehr schlecht ist. Der Professor hat links eine Prothese am Steigbügel des Mittelohrs eingesetzt, da wohl von der Knochensubstanz nicht mehr viel übrig war.

Leider hat man auch festgestellt, dass mittlerweile am rechten Ohr das Paukenröhrchen rausgerutscht ist und das Einsetzen eines neuen Paukenröhrchen war aufgrund eines weiteren großen Loches nicht möglich. Wieder ein Loch im Trommelfell… So fing links alles an und endete in einer lebensbedrohlichen Knochenentzündung. Nun meinte man aber, dass das Loch mittig sei und somit nicht zur Knochenentzündung führen dürfte. Man hat es offen gelassen und es soll nun von alleine zuwachsen. Ob das tatsächlich passiert, muss regelmäßig kontrolliert werden.

Zu dieser OP wurde auch der Nabelbruch meines Sohnes operiert, um einen weiteren Krankenhausaufenthalt zu vermeiden. Ich hatte das im Vorfeld abgestimmt. Diese OP verlief komplikationslos, sorgte bei meinem kleinen Mann aber für heftige Schmerzen. Anfangs hat er die Schmerzmittelgabe toleriert. Er hatte nach der OP heftig geschrien und sich gekrümmt. Aufgrund des Ohrenverbands konnte er meine Worte und Fragen aber nicht verstehen, so dass wir große Schwierigkeiten hatten, uns zu verständigen. Sein Schmerzzustand machte es ohne hin schon fast unmöglich. Aufgrund des Ohrenverbands lief unsere Kommunikation völlig quer. Er hatte leichten Schwindel, aber nicht mehr so schlimm wie bei der letzten OP. Das lag aber vermutlich auch daran, dass er ab dem nächsten Tag die Schmerzmittel verneinte, trotz großer Schmerzen. Da mein kleiner Mann diese Zusammenhänge aber mittlerweile selbst fassen kann, wollte ich sie ihm nicht reinzwingen. Ich versuchte ihn zu motivieren. Aber er ließ es nicht zu… Er hatte zwei Tage lang die schlimmste Laune. Ich habe ihn so noch nie erlebt. Er verweigerte das Essen, den Blickkontakt mit mir und ignorierte auch meine Ansprache. Den Ohrenverband löste ich bereits am Abend des OP-Tages einseitig nach Absprache mit dem Arzt, um meinen Sohn zu entlasten. Also er hörte mich… Aber seine neue Strategie bei Überforderung war die Ignoranz. Ich habe das erst später realisiert. Diese Strategie war sehr grenzwertig bei mir. Ich konnte dies nur sehr schwer aushalten und habe sicherlich nicht immer gut und angemessen reagiert.

Ärzte ließ er nicht mehr an sich heran. Das war ich gewohnt und habe versucht dies für sie zu übernehmen. Den Blick auf den Verband der Nabel-OP verweigerte er strikt. Ich durfte am Abend vorsichtig ein Foto davon machen, welches ich dann nachts den Schwestern zeigten. Alles soweit okay.

Aufgrund der Nabel-Schmerzen durfte ich ihn nur sehr selten anfassen. Ich stellte ihm ein Töpfchen ins Bett und hiefte ihn vorsichtig darauf, wenn er pullern musste. Anfangs pullerte er mich erst einmal kräftig an. Trotz der Schmerzen verweigerte er auch an Tag zwei die Schmerzmittel. Selbst mit Schokolade konnte ich nicht seinen Hunger wecken. In mir entwickelte sich Wut. Wut gegen mein eigenes hilfloses Kind…

Von der Station bekamen wir einen Buggy, um zur HNO Untersuchung fahren zu können. Den nahm mein Sohn an und fühlte sich auch recht wohl, in die Sitzposition vorübergehend zu kommen. Beide Innenohre wurden getestet. Beide in Ordnung… Über die Mittelohre kann erst nach der Genesungszeit entschieden werden.

Meinem Sohn schien es ein klein wenig besser zu gehen, aber seine Laune war immer noch unterirdisch und er war teilweise regelrecht fies zu mir. Ich drängte die Ärzte darauf, uns vorzeitig zu entlassen -meinem Sohn würde es erst zu Hause besser gehen- auch wenn mir mumlig bei dem Gedanken war, dass er sich nicht bewegen lässt und selbst nicht in der Lage war sich zu bewegen oder zu essen. Die Ärzte willigten ein. Nach drei Nächten im Krankenhaus durften wir nach Hause. Mit dem Auto in unsere Einfahrt reingefahren, strahlte mein kleiner Mann und versuchte sogar selbständig mit Hilfe das Auto vorsichtig wegen der Schmerzen zu verlassen. Schlagartig war die miese Laune weg, die Schmerzen dauerten noch eine gute Woche.

Zwei Tage später mussten wir zum Kinderarzt zum Verbandswechsel. Ignoranz und Abwehr zeigte mein kleiner Mann wieder sehr stark. Ich habe es so satt… Ich habe es mittlerweile sogar satt darüber zu schreiben. Ich bin so ausgelaugt und erschöpft… Beim Kinderarzt habe ich den Verbandswechsel gemacht und der Arzt hat die Wunde beurteilt. Alles soweit erst einmal in Ordnung. Danach hat mein Sohn nicht mehr reagiert und wollte auch nicht von der Liege hoch gehoben werden. Er wollte einfach liegen bleiben…

Weitere Verbandswechsel führte ich mit Absprache des Arztes zu Hause durch und schickte Fotos. Das entlastete meinen Sohn. Ebenfalls desinfizierte ich jeden Abend sein Ohr. Da ich vor der OP meinem Sohn einen coolen frechen Haarschnitt verpasste und die Seite kurz schnitt, ziepte das regelmäßige Pflasterwechseln auch nicht mehr so heftig. 10 Tage nach der OP sollte die Detamponade im Krankenhaus stattfinden. Das war gestern… Mein Sohn ging recht tapfer und willig in Behandlungszimmer nach meinem Motivationsgespräch. Wir haben es auch geschafft, dass sie diesmal nicht so schmerzhaft ablief wie bei der OP davor. Ich klärte vorab mit dem Arzt ab, ob ich die Tamponade eventuell mit den Tropfen des Desinfektionsmittels etwas einweiche. Er empfand meine Idee als sehr sinnvoll und es hat auch gut geklappt. Leider ist es dem Arzt dann nicht gelungen, die dahinter liegende Folie noch schmerzfrei zu entfernen und jeder weitere Versuch scheiterte durch die Abwehr meines Sohnes kläglich. Somit mussten wir es auf einen zusätzlichen Termin verschieben. Meine Laune sank rasant in den Keller. Ich versuchte bei den Emotionen meines Sohnes zu bleiben. Aber innerlich war ich wütend und verzweifelt zugleich.

In der Zeit von Corona hätte ich mir gerne einen weiteren Termin im Krankenhaus erspart, zumal dort schon alles wie im schlechten Horrorfilm ablief. Ich empfinde die Maßnahmen alle als richtig und wichtig für die Gesundheit aller. Wir tragen Verantwortung. Aber es gruselt mich auch, dass so direkt mitzuerleben.

Ich bin erschöpft… Seit über 4 Jahren bin ich so erschöpft. Zu Hause habe ich heute in das Ohr meines Sohnes geblickt und sah tatsächlich die Folie. Ich fragte meinen kleinen Mann, ob ich versuchen dürfte sie heraus zu holen. Das würde ihm erneut Angst beim Arzt ersparen. Er willigte ein. Ich kochte eine Pinzette ab und wagte mich vorsichtig an das Ohr meines verängstigten Sohnes. Er hielt ganz tapfer still und ich hatte sie tatsächlich kurzer Hand später draußen. Ich vertraue in erster Linie den Ärzten. Ich versuche keine gefährlichen und verantwortungslosen Alleingänge. Aber wenn es möglich ist, ohne dabei meinen Sohn zu gefährden, versuche ich natürlich auch weniger erforderliche Arztbesuche für ihn zu vermeiden.

Ich fotografierte die Folie und schickte sie per E-Mail dem Professor. Dieser antwortete: „Prima!“ Somit müssen wir diese Woche nicht erneut zu ihm… Aber nächste Woche noch einmal. Dann kommt es zum Hörtest… Hörtest, ob die eingesetzte Prothese die Hörleistung meines Sohnes verbessert hat oder ob er nach wie vor nichts mehr auf dem linken Ohr hören wird.

Ein Gedanke zu “OP Nr.5 und seine Strategie der Ignoranz

  1. Danke für deinen Erfahrungsbericht. So kann ich heute nachvollziehen, was meine Mama alles für mich getan hat. Du leistet Grossartiges.
    Die Sache mit den Ohren…kenne ich leider auch. Auch heute noch mit 37 nerven mich die Durchlüftungsprobleme. Mein linkes Ohr ist manchmal tagelang „zu“ und nichts hilft…

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