Unendlichkeit

Die fünfte Operation meines Sohnes war im März diesen Jahres. Der Professor der HNO-Abteilung des von uns gewählten Spaltzentrum vergewisserte sich, dass die lebensbedrohliche Knochenentzündung im linken Ohr meines kleinen Mannes nicht wieder gekommen ist und setzte eine Prothese ein, da die Gehörknöchelchen sehr in Mitleidenschaft gezogen wurden. Ein halbes Jahr später sollte erkennbar sein, ob mein Sohn mit dieser auch endlich wieder besser hören kann.

Dies ist leider nicht der Fall. Das linke Ohr ist soweit trocken und das Trommelfell, welches konstruiert wurde (Tympanoplastik), sieht gut aus. Aber mein kleiner Mann wird auf dieser Seite wohl scheinbar keine bessere Hörleistung erhalten. Das Ohr ist stark vernarbt und die Prothese scheint die Defizite nicht ausgleichen zu können.

Im rechten Ohr hatte der Professor bei der OP im März entdeckt, dass das dortige Paukenröhrchen nicht mehr sitzt. Es war mittlerweile in den Gehörgang gerutscht und hat ein großes Loch im Trommelfell hinterlassen. Dieses gilt es zu beobachten – mit der Hoffnung, dass es von selbst zuwächst.

In der jetzigen Sommerzeit bedeutet es aber auch immer große Achtung bei Wasserspielen und Badespaß. Aufgrund des neuen konstruiertem Trommelfell links ist es zumindest dort nicht mehr nötig. Es stellt eine Erleichterung da, nur noch auf ein Ohr Acht geben zu müssen. Aber es zehrt auch an den Nerven nun die nächsten Sorgen bei diesem Ohr haben zu müssen, die sich bis dato nicht zeigten.

Zudem konnte der Professor seit sechs Monaten das rechte Ohr nicht einsehen – wegen des Ohrenschmalzes. Eine Apothekerin meinte zu mir, dass mache der Körper bewusst, um das Loch zu schützen. Der Professor sagte mir, dass diese Aussage Quatsch sei. Es würde auch immer eine Infektionsgefahr darstellen. Bei unserem letzten Besuch vor einer Woche holte er nun das Ohrenschmalz heraus. Es war eine Tourtour für meinen kleinen Mann. Zunächst war es sehr fest und ließ sich nicht herausziehen. Mein Sohn hatte schon viel Geduld bewiesen und sich trotz seiner Angst vor Schmerzen der großen Pinzette gestellt. Er schrie und weinte. Nichts ging heraus… Der Professor setzte den Sauger an und ich versuchte meinen Sohn zu motivieren und gleichzeitig zu beruhigen… Auch hier wieder stellte sich mein Sohn der Angst und trotzdem, auch der Sauger bekam den Dreck nicht heraus und mein kleiner Mann schrie vor Schmerzen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, welche Art von Schmerzen es sein müssen, da ich selbst nie Probleme mit den Ohren hatte. Aber ich habe mir sagen lassen, dass es höllische Schmerzen seien.

Der Professor und ich überlegten, wie er zur Sicht käme. Seit einem halben Jahr ist das Ohr unbeobachtet. Weiter dürfte es so nicht sein. Wir weichten den Dreck mit destillierten Wasser ein – in der Hoffnung, dass er danach besser zu entfernen sei. Ich setze mich noch einmal mit meinem Sohn ins Wartezimmer. Ich kuschelte mit ihm, beruhigte ihn, versuchte ihn zu motivieren, dass der Arzt erneut an sein Ohr darf.

Er ließ es zu. Der Arzt entfernte einen großen Teil des Drecks unter heftigen Schmerzen mit einer Pinzette. Mein Sohn bekam kaum Luft, so schlimm schrie er. Mein Herz schmerzte ebenfalls sehr… Aber es war auch so wichtig. Als der Arzt dann endlich den Blick auf das kaputte Trommelfell wagen wollte und mein kleiner Mann schon völlig am Boden war, versperrte noch immer etwas Dreck die Sicht. Das war der Punkt, an dem ich die Untersuchung abbrach. Mehr konnte ich meinem Sohn nicht zumuten. Wir vereinbarten einen Termin für Anfang Oktober, zwei Monate später.

Am Abend kam der restliche besagte Dreck in die Ohrmuschel gerutscht. Sicherlich dadurch, dass wir es eingeweicht hatten. Ich nahm ihn ebenfalls mit einer Pinzette heraus, fotografierte ihn und schickte das Bild zum Professor. Es war der letzte Teil, der den Blick versperrte. Unglaublich, nachdem, was der Arzt bereits heraus geholt hatte. Wie das alles da rein gepasst haben soll… Und auch von der Hörleistung verstopft haben muss.

Mir fiel vorallem auf, wie hart und verkrustet es war, zudem sehr blutig. Ich vermute, dass es die Wundflüssigkeit nach der letzten OP war. Bei dieser hatte sein rechtes Ohr stark geblutet und ich kann mich noch sehr gut an die gruseligen Bilder erinnern.

Nun scheint das Ohr erst einmal sauber zu sein und ich hoffe sehr, dass dies bis zur Untersuchung im Oktober anhält, damit wir endlich einen Status zum Loch im Trommelfell erhalten.

Ein freies Ohr mit Loch im Trommelfell bedeutet aber auch große Vorsicht beim Baden und beim Wasserspiel. Mein Sohn ist mittlerweile 4 1/2 Jahre alt. Er liebt das Wasser, zu planschen und zu toben. Dass ich ihn als Mama immer wieder einschränken muss, macht mich traurig.

Aber ich freue mich, dass ich ihn mit kleinen Hilfsmittel zumindest daran teilhaben lassen kann und versuche meine Sorgen zu verdrängen und die kleinen Möglichkeiten mit ihm zu genießen. Er übernimmt bereits viel Verantwortung für sich. In der Kita haben wir ein Stirnband hinterlegt, welches Spritzwasser bei den dortigen Aktivitäten abhalten sollte. Er geht selbständig zu den Erzieherinnen, sollte es verrutschen. Das finde ich prima.

Im Planschbecken zu Hause mache ich ihm rechts einen Stöpsel ins Ohr und versuche darauf Acht zu geben, dass der Kopf über Wasser bleibt. Das gelingt nicht immer.

Am unruhigsten bin ich bei uns am See, wenn er mit seinen Schwimmflügeln und dem Stöpsel im Ohr kein Halten findet. Der Papa tobt mit ihm, während ich die Spielverderberin bin. Ich versuche oft bewusst zu entspannen, aber es gelingt mir nur sehr schwer. Jedoch bin ich sehr froh, dass er soweit auch das Wasser genießen kann.

Was seine Hörleistung angeht, bin ich unsicher. Im Alltag nehme ich seine Defizite kaum noch war. Wir haben uns einfach auch damit arrangiert. Es gibt natürlich Tage, an denen es mir besonders auffällt und mir auch Kummer bereitet. Dann gibt es aber auch wieder Tage, an denen ich mir einbilde, dass doch alles okay sei. Laut der Kita ist er mittlerweile voll im Geschehen drin und nicht mehr nur ein stiller Beobachter wie einst. Das ist fantastisch und macht mich glücklich.

Die ortsansässige HNO-Ärztin meinte, dass sie ihm kein Hörgerät geben würde. Er gleiche das mit dem anderen Ohr aus, auch wenn dieses selbst nicht zu hundert Prozent funktioniert. Der Professor des Spaltzentrums ist sich noch nicht sicher. Es sei wohl grenzwertig. Also heißt es wieder warten, wieder keine klaren Aussagen, sei es zum Loch, noch zur Hörfähigkeit… Unendlichkeit…

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