Vor der OP

Sechs Tage vor der eigentlichen OP bekam ich einen Anruf von der Zahnheilkunde unseres gewählten Spaltzentrums, dass sie sich doch bitte meinen Sohn noch anschauen wollen, da sie gar nicht genau wissen, was sie tun sollen. Ich muss dazu sagen, dass ich vorab von unserer ortsansässigen Zahnärztin ein Behandlungsplan schickte. Dieser war, zugegebenermaßen aus März und somit drei Monate alt, aber einen groben Überblick gab er dennoch. Ich fuhr somit spontan einen Tag später nach der Kita mit meinem Sohn in die fast über eine Stunde entfernte Zahnklinik unseres Spaltzentrums. Mein kleiner Mann machte trotz 37 Grad und bereits Kita- Tag gut mit. Dann offenbarte mir die Zahnärztin, dass sie doch bereits mit der zuständigen MKG (hinsichtlich der OP in 5 Tagen) sowie unserer Zahnärztin zu Hause sprach und möchte, dass wir alles ambulant machen. Ich war verwirrt und etwas sprachlos. Mein erster Gedanke galt natürlich den Schmerzen, welchen mein Sohn dann ausgesetzt wäre. Dies negierte alles die Zahnärztin und sprach von diversen Methoden wie Lachgas. Mir war dies jedoch für den Gaumen-Zahn nicht plausibel. Auch nicht, dass mein Sohn trotz Zähne ziehen, nicht unter Stress und Druck geraten soll bei so einer Behandlung.

Unbehagen spürte ich deutlich in alle Richtungen. Natürlich verstand ich, dass es immer gilt eine Narkose zu vermeiden, aber um welchen Preis?

Am Abend wurde deutlich, was trotz guter Mitarbeit und Kooperation solch ein ambulanter Tag mit meinem kleinen Mann machte. Er weinte zwei Stunden wegen diversen „Kleinigkeiten“. Druckentlastung…

Einen Tag später klärte ich mit der Ärztin der MKG, dass wir gegen weitere ambulante Eingriffe sind, zumal das Entfernen von fünf Zähnen inklusive des Gaumen-Zahnes für uns ambulant nicht zu vertreten ist. Es war eine hitzige Diskussion, aber sie stimmte mir am Ende zu und somit fand vier Tage später die Aufnahme im Krankenhaus statt.

Einen Tag vor der Aufnahme hatten wir erneut eine Untersuchung, diesmal bei der MKG. Ich vergewisserte mich noch mehrmals, dass die Entfernung wie auch die Zahnsanierung (Behebung der Karies befallenen Zähne) unter Narkose stattfinden wird. Wir erhielten die Aufklärung zur OP und die Information, dass es danach einen Platzhalter geben wird, da die bleibenden Zähne noch ein bis zwei Jahre brauchen werden, um durch zu brechen. Der Platzhalter sei ähnlich wie eine Spange, um zu verhindern, dass die noch vorhandenen Milchzähne im Oberkiefer verrutschen.

Ich besprach, diesmal mit einem anderen Arzt, die Ursachen für den heftigen Kariesbefall der Zähne meines Sohnes. Der Oberkiefer sei durch die LKGS nicht komplett ausgeformt, das wissen und sehen wir. Das führte dazu, dass die Zähne sehr eng und sich überschneidend heraus traten. Von Anfang an putze ich mit einer elektronischen Zahnbürste. Dennoch war es aufgrund der Zahnstellung nicht möglich, die Zähne ordentlich zu säubern. Im letzten Jahr suchte ich bereits eine Zahnärztin bei uns vor Ort auf. Sie spielte die Problematik herunter und behandelte die befallenen Zähne provisorisch. Dies hielt jedoch nicht lange und die Karies konnte weiter wachsen. Das führte nun dazu, dass mittlerweile fünf Zähne im Oberkiefer nicht mehr zu erhalten sind und auch der Gaumen-Zahn völlig von der Karies zerfressen wurde. Um einer Entzündung vorzubeugen und auch, dass die Karies auf die bleibenden Zähne übergeht, muss nun diese Maßnahme ergriffen werden. Parallel dazu werden fünf bis sechs weitere Zähne wegen Karies behandelt.

Mein Sohn ist 5 Jahre alt. Ich empfinde diese Ausmaße als sehr heftig.

Aufnahmetag

Am Aufnahmetag lief alles reibungslos und unkompliziert. Diesmal waren wir auf der Station der MKG untergebracht und nicht auf der Kinderstation. Ich empfand es wesentlich kinderfreundlicher als auf der eigentlichen Kinderstation. Wir bekamen von denen aus ein Einzelzimmer am Ende des Ganges mit zwei große Betten, welche sehr bequem waren. Trotz Ausgangsverbot auf der Station aufgrund der Covid-Pandemie durften wir uns noch schnell ein Eis holen und wir durften die Tage die Terrasse der Ärzt*innen und Schwestern/Pflegern für Bewegung nutzen.

Die Narkoseaufklärung war ebenfalls sehr kinderfreundlich gestaltet und wir haben intensiv alles besprochen. Die Ärztin notierte, wie wichtig es sei, den Beruhigungssaft zur richtigen Zeit zu geben, um den wertvollen Effekt der Angstvermeidung bei meinem Sohn auszulösen.

Dann folgte noch die HNO-Aufklärung, da auch diese mit operierten, um sich die Ohren meines kleinen Mannes genau ansehen zu können und eventuell zu intervenieren.

Auch an diesem Tag vergewisserte ich mich noch einmal, dass ALLES unter Narkose gemacht wird, auch die „einfache“ Zahnsanierung an den zu erhaltenen Zähnen.

Man erklärte mir, dass die OP bis zu 4h dauern kann und mein Sohn erst am Nachmittag des Folgetages operiert wird. Das war ein kleiner Schock. Wie soll ein so kleiner Mensch so lange aushalten nüchtern zu sein? Die OP-Kapazitäten aufgrund der Covid-Pandemie ließen es jedoch nicht anders zu. Ich habe und hatte volles Verständnis dafür und war mir sicher, dass ich dies mit meinem Sohn bewältigen werde.

Wir haben bis spät abends Lego gebaut. Ich schenkte ihm einen Drachen, um Entspannung für ihn in diesen Tag zu bekommen. Die Strategie ging sehr gut auf. Zwischen den vielen Arztgesprächen fanden wir immer wieder Zeit für den Drachen. Mein Sohn vertiefte sich sehr ins Bauen. Am Abend aßen wir noch ausnahmsweise Chips und hatten viel Spaß, auch wenn ich selbst schon auf dem Zahnfleisch kroch. Das führte leider auch dazu, dass ich die jenige war, die am Abend die Nerven verlor und meinen Sohn unbegründet anschrie. Meine parallele Schwangerschaft verlangte zusätzlich von mir viel Kraft ab. Ich entschuldige mich bei ihm, ärgerte mich dennoch über mich. Ich wollte einfach nur noch schlafen.

An diesem Tag hatte ich auch eine unangenehme Zusammenkunft mit einem Mitpatient, bzw. mein Sohn hatte sie. Er selbst bemerkte es nur nicht. Der besagte Mann gab meinem Sohn ständig verniedlichte Bezeichnungen wie Maus, Hase etc. Mein Sohn sagt, er sei keine Maus, worauf hin der Mitpatient meinte: “ Es gibt gleich was hinter die Ohren!“ Ich bin sprunghaft dazwischen gegangen, habe ihm gesagt, dass er den Mund zu halten, sich von meinem Sohn fernzuhalten und ihn nie wieder anzusprechen hat. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Danach habe ich meinem kleinen Mann gesagt, dass ich es richtig und gut finde, dass er sagt, wenn er etwas nicht will und er dies immer auch gegenüber Erwachsenen deutlich äußern soll.

Die OP

Eigentlich hoffte ich ja darauf, dass wir länger schliefen, da wir abends zwei Stunden länger wach waren als gewöhnlich. Leider ist dieser Plan nicht aufgegangen. Ich gab meinem Sohn noch einmal ein Schluck Wasser und dann hieß es, die nächsten 6h bis zur OP nüchtern zu bleiben. Mein kleiner Mann war sehr gut gelaunt und wir spielten weiter mit Lego. Ich habe auch gleich meinen Kaffee und mein Frühstück bekommen, auf das ich durch die Schwangerschaft nicht verzichten konnte. Sonst wartete ich eigentlich immer, bis mein Sohn im OP war. Aber das erste Trimester forderte mich diesmal sehr mit Übelkeit und Erschöpfung heraus.

Nach 1 1/2h offenbarte man uns, dass die OP auf einen Tag später verschoben wurde. Meine Laune sank schlagartig. War ich doch froh, dass wir bis hier hin sehr gut durchgekommen waren. Wir mussten uns also einen weiteren Tag im Krankenhaus vertreiben, ohne dies verlassen zu dürfen. Am Nachmittag kam dann die nächste und diesmal wirklich schlechte Nachricht, die mich innerlich broddeln und nachts nicht schlafen ließ. Man sagte mir, dass durch die Verschiebung der OP nun die Zahnheilkunde daran nicht teilnehmen kann und somit die Zahnsanierung unter Narkose nicht stattfinden wird. Ausschließlich die MKG, welche für das Ziehen der Zähne sowie des Gaumen-Zahnes und die HNO-Abteilung, die im übrigen zumindest auch einen Vertretungsarzt schickten, würden die OP durchführen. Ich wurde das unterschwellige Gefühl nicht los, dass die Zahnheilkunde das Verschieben der OP für sich nutzte, um die Zahnsanierung doch wie in ihrem Sinne ambulant durchzuführen.

Für mich war klar, wird die OP erneut um einen Tag verschoben, fahre ich nach Hause und warte, bis alle Disziplinen einen Zeitpunkt finden. Da mir aber auch bewusst war, wie wichtig das Entfernen der massiv kariösen Zähne und des Gaumen-Zahnes aufgrund der Entzündungswerte war, wollte ich bis zum nächsten Tag warten.

Der Papa meines Sohnes besuchte uns unter Covid-Bedingungen. Dieses Jahr der Pandemie und der Krankenhausaufenthalt machte wieder sehr deutlich, was dieses Virus alles angerichtet hat.

Pfleger*innen und Ärzt*innen hatten mein vollstes Verständnis, auch wenn die Umstände für meinen Sohn so nicht die besten waren.

Dann nun doch endlich den OP-Tag erreicht, war mein kleiner Mann sehr bedacht und aufmerksam. Wir liefen früh morgens zusammen zum Kaffee-Automaten. „Mama, ich muss ganz langsam laufen, dass ich nicht so viel Energie aufwende, damit ich bis mittags nicht so viel Hunger bekomme.“ Ich liebe ihn!

Wir haben den ganzen Vormittag mit Video schauen verbracht. In dieser Situation sah ich das als völlig legitim an. Er dachte nicht an Hunger und wir lagen einfach still zusammen im Bett.

Dann war es soweit. Mit einem Tag Verspätung und einer fehlenden Profession wurde mein Sohn trotz voran gegangenen Überlegungen der Absage dazu bzw. Verschiebung mittags operiert.

Gedanken aus meinem Kopf: “ Und wieder musste ich meinen nun nicht mehr ganz so kleinen Mann den Ärzten übergeben. Wieder erlebe ich das Gefühl der Hilflosigkeit, der Ohnmacht, der unterschwelligen Angst, der unsagbar großen Traurigkeit, dass mein eigen Fleisch und Blut all das ertragen muss. Wieder sorge ich mich und werfe mir selbst vor, dass ich Schuld bin an diesem Drama, er doch so in meinem Bauch gewachsen ist. Wieder hoffe ich, dass er bis zur vollständigen Narkose aufgrund des Beruhigungssaftes keine Angst, kaum Schmerzen verspüren muss. Mit seinen fünf Jahren kann er mittlerweile gut artikulieren, wie er sich fühlt. Ich sehe es in seinen Augen… Ich kann es kaum ertragen.“

Die Übergabe in der Schleuse bewegte uns beide sehr. Mein Sohn hat schlimm geweint und ich versuchte meine Traurigkeit unter der Maske zu verstecken. „Mama, geh nicht weg“, sagte er immer wieder. Wie schlimm es ist, wenn man sieht, wieviel Angst sein Kind hat und man es dann alleine lassen muss… Unvorstellbar… Diese Momente zerreißen mich und dennoch möchte ich meinen Sohn jedesmal aufs Neue trotz alledem Sicherheit mit auf den Weg geben.

Während er im OP war, kamen mir diverse Befürchtungen in den Sinn. Ich dachte an schwerwiegende Folgen für das Kauen, da zwei Drittel der oberen Zahnreihe gezogen werden, aber auch an massive Sprachprobleme. Folgen sozialer Art wiederum dadurch in der Kita…

Nach zwei Stunden durfte ich bereits in den Aufwachraum und wie gewohnt, legte ich mich zu meinem kleinen Mann ins Bett. Nach weiteren zwei Stunden wachte er freudestrahlend auf, erstmals freudestrahlend nach einer OP. Er berichtete von wenig Schmerzen und was er alles noch im OP vor der Narkose erlebte. Er schien sich also nach unserem Abschied beruhigt zu haben. Und der Beruhigungssaft war scheinbar zu niedrig dosiert. Es war schön, ihn so zu sehen. Er hatte eine dicke Lippe, ansonsten war soweit alles okay.

Laut den Ärzt*innen sei alles gut verlaufen. Es gäbe wohl keine Wurzelrückstände im Kiefer und es sei unkompliziert gewesen, die Zähne seitens der MKG zu entfernen. Vorerst galt es ein bis zwei Wochen ausschließlich flüssige bis breiige Kost zu sich zu nehmen, um die Wunde nicht zu reizen. Zwei Tage nach der OP sollten wir beginnen die Zähne auszuspülen mit einer extra Spülung. Die obere Zahnreihe, bzw. die noch dort verbliebenen Zähne sollten wir mit übergroßen Schaumstoffstäbchen vorsichtig reinigen. Das hat alles gut geklappt und mein Sohn hat die Spülung gut angenommen, welche wir nun auch bei der täglichen Mundhygiene anwenden.

Seitens der HNO wurde uns mitgeteilt, dass die Ohren nur gespült wurden. Jedoch sei das Implantat links verrutscht. Man sehe es durchs Trommelfell hindurch. Die Trommelfelle seien beidseits in Ordnung. Die Thematik mit dem Implantat ist für mich schwer nachvollziehbar, da ich mir die Folgen dessen nicht gut herleiten kann. Somit mache ich zeitnah noch einen Kontrolltermin bei der ortsansässigen HNO-Ärztin zum Abgleich. Der Professor der HNO am Spaltzentrum möchte meinen Sohn im September wieder sehen. Laut der Kita sei sein Hörvermögen auch wieder eingeschränkt. Aber diesen Wandel beobachten wir bereits seit Jahren. Das kann immer auch mit Wachstum zu tun haben. Hoffe ich zumindest…

Im Krankenhaus habe ich noch die Kieferorthopädie besprochen… Da die Kieferdehnung zeitnah durch den ortsansässigen Kieferorthopäden beginnen soll, kann dies auch mit dem Platzhalter der Zähne kombiniert werden. Hierzu muss ich mich noch um einen zeitnahen Termin bemühen.

Nach der OP

Das mit der flüssigen Kost haben wir nicht lange durchgestanden. Mein Sohn nicht und ich als Mama auch nicht… Mein kleiner Mann hatte stets starke Bauchschmerzen aufgrund seines Hungergefühls, obwohl ich mir tolle Gerichte und Shakes ausdachte. Da seine Wundheilung gut aussah, versuchten wir es also mit weichen Brötchen, weicher Wurst etc. und spülten ordentlich nach dem Essen.

Was mich doch sehr beruhigte, war der Fakt, dass sich seine Sprache nicht veränderte. Ich bin anfangs davon ausgegangen, dass bei der Vielzahl der Zähne, welche nun nicht mehr in seinem Mund sind und die nächsten Jahre dort auch nicht auftreten werden, seine Aussprache verändert sei. Aber dem ist so absolut nicht. Es wird sich zeigen, wie sich das dann mit dem Platzhalter verhält…

Am Entlasstag spürte ich bei meinem Sohn eine deutliche Erschöpfung. Plötzlich weigerte er sich bei der Röntgen-Untersuchung, da ich nicht dabei sein durfte. Er war einfach durch… Da es laut der Ärzte auch irrelevant gewesen wäre, ob noch Wurzelrückstände im Kieferbereich zurück geblieben sind, ersparte man meinem Sohn ein weiteres Drängen auf diese Untersuchung. Wurzeln des Milchzahngebisses würden sich von alleine auflösen, nicht so bei den bleibenden Zähnen… Jedoch sind Restlöcher im Gaumen durch das Herausziehen des Gaumen-Zahnes denkbar, was wir mit der Zeit erfahren werden, ob ein solches durch die OP entstanden ist.

Die Zahnsanierung steht nun noch aus. Man wollte uns auf August vertrösten. Ich konnte zumindest Ende Juli erkämpfen, um die weitere Karies nicht größer werden zu lassen. Ich hoffe, dass die ambulante Behandlung dahingehend wenig Aufwand und Stress für meinen kleinen Mann bedeuten wird. Diesen Weg wollten wir ja eigentlich ausschließen.

Die Ärzt*innen und Pfleger*innen sowie Mitpatient*innen waren alle samt von meinem Sohn beeindruckt, wie ruhig und besonnen er trotz Stress und Schmerzen die Tage im Krankenhaus bewältigt hat.

Er ist mein kleiner Held und macht das nach all den Jahren und Erfahrungen nach wie vor sehr toll. Es ist und bleibt ein Teil von ihm, was er gut akzeptieren kann.

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